Bauwerke sind Einzelstücke – die Prozesse nicht
Was unterscheidet ein Bauwerk von einem anderen Produkt, zum Beispiel einem Auto? Während Fahrzeuge Serienprodukte sind, ist jedes Gebäude ein Unikat. Vom architektonischen Konzept über die Konstruktion und Gestaltung bis zu den Materialien: Jedes Bauwerk wird maßgeschneidert auf seinen jeweiligen Standort und die Bedürfnisse seiner Nutzer.
Betrachtet man hingegen den Prozess, wie ein Gebäude entsteht, wird klar: Die Abläufe, Rollen und Verantwortlichkeiten sind bei jedem Bauwerk ähnlich. Es gibt viele Elemente, die wiederkehren und standardisiert werden können.
Doch während der Entstehungsprozess eines Autos klar geregelt und bis ins kleinste Detail durchoptimiert ist, wird dieses Potenzial in der Bauwirtschaft noch zu wenig genutzt. Dabei wird es immer wichtiger, dass alle beteiligten Akteure ein einheitliches Verständnis von den erforderlichen Prozessschritten haben.
Fünf Gründe für einen Industriestandard im Bausektor:
- Eine klare Organisationsstruktur ist die wesentliche Grundlage für den Erfolg von Bauprojekten – so können wir die Einzigartigkeit von Bauwerken effektiv und effizient managen.
- Im Regelfall kommt das Team bei jedem Bauwerk neu zusammen. Bauherr, Projektentwickler, Planer und ausführende Unternehmen sollten ihre Rollen und ihre Zusammenarbeit nicht immer wieder neu abstimmen müssen.
- Digitale Tools wie Building Information Management (BIM) verändern derzeit die Arbeitsweise – weg vom schrittweisen Ablauf zu einer vernetzten, prozessschrittübergreifenden Kommunikation. Umgekehrt, lassen sich Prozesse nur dann sinnvoll digitalisieren, wenn sie standardisiert und optimiert wurden.
- Der Trend geht zur Modularisierung und Vorfertigung, also dahin, Bauwerke stärker als Produkte zu betrachten.
- Gut und störungsfrei bauen ist nicht zuletzt auch der größte Beitrag, den wir als Bauindustrie zur Nachhaltigkeit leisten können. Dadurch vermeiden wir Zeit-, Geld- und Ressourcenverschwendung.
Ein erster Schritt: die DIN SPEC 91500
Die Baubranche braucht einen Industriestandard – und ein erster Schritt dahin ist nun gemacht: Das Deutsche Institut für Normung hat die DIN SPEC 91500 zu „Anforderungen an die Aufbau- und Ablauforganisation von Bauprojekten“ veröffentlicht.
Dr. Albert Dürr, Geschäftsführender Gesellschafter von WOLFF & MÜLLER, hat diese DIN SPEC mit initiiert und ihre Entstehung als Konsortialleiter begleitet. Der Grund: In der bisherigen Normenlandschaft fehlt ein klares Bild der Prozessschritte, die für die Errichtung von Bauwerken erforderlich sind. Auch wenn jedes Bauwerk ein Unikat ist: Abläufe, Rollen und Zuständigkeiten können und sollten standardisiert sein, damit die beteiligten Akteure reibungslos und effizient zusammenarbeiten können.
Das im Juni 2025 veröffentlichte Standarddokument ist eine Handlungsempfehlung: Es schlägt eine Aufbau- und Ablauforganisation für ein Schlüsselfertigbauprojekt mit einem Auftragsvolumen von ca. 30 Mio. Euro ohne Planungsanteil vor. Dabei werden wichtige Fragen beantwortet:
- Welche Rollen gibt es in Bauprojekten, zum Beispiel Bauherrnvertreter, Fachplaner oder Polier? Wer hat welche Aufgaben?
- Welche Prozesse sind nötig, um die Ausführung des Projektes vorzubereiten, und wer ist wofür zuständig? Zum Beispiel: Die Projektleitung verantwortet das Projektstartgespräch, das Technische Controlling die Auftragskalkulation.
- Wer übernimmt was in der Ausführungsphase? Zum Beispiel: Baupartnermanagement oder Inbetriebnahme sind Aufgaben der Bauleitung.
Was beeinflusst diese Organisation? Zum Beispiel, ob das Auftraggeber öffentlich oder privat ist und um welche Projektart – etwa ein Hotel oder ein Bildungsgebäude – es sich handelt. Die DIN SPEC beschreibt einen entsprechenden Konfigurator für das Bauprojektmanagement.

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