Gastarbeiter, Migration und gelebte Vielfalt
Auf der Baustelle in Stuttgart hört man an diesem Vormittag mindestens vier Sprachen. Die Bewehrungseisen für eine Bodenplatte verlegen Portugiesen, den Trockenbau in einem anderen Teil des Bauwerks übernehmen Baupartner aus Polen und Serbien, die Bauleitung koordiniert auf Deutsch, zwischendurch wird auf Türkisch telefoniert. Eine ganz normale Baustelle – und gleichzeitig ein Ort, an dem Vielfalt gelebt wird. Bei WOLFF & MÜLLER beginnt die Geschichte der Migration in den 1950er Jahren mit Gastarbeitern aus Italien, später ebenso aus Spanien und Portugal. Auch aus der Türkei kamen viele. Einer von ihnen war Lütfi Cinar, der Vater von Zekiye Bilge, die heute in der Hauptverwaltung von WOLFF & MÜLLER arbeitet.
1972: Ankunft in der Fremde
Als Lütfi Cinar 1972 seinen Heimatort Corum in der Türkei verließ und schließlich mit dem Zug in Stuttgart ankam, war er 25 Jahre alt und zum ersten Mal in Deutschland. Am Bahnhof standen die künftigen Arbeitgeber mit Schildern, wie heute am Flughafen bei Mietwagenfirmen. Das Unternehmen, zu dem er zunächst kam, warb ihn über das deutsch-türkische Anwerbeabkommen an. Im Gepäck: Ratschläge der türkischen Arbeitsvermittlungsagentur für das Leben in der Fremde. „Sei sauber, ernsthaft und höflich“, hatte man den jungen Männern mit auf den Weg gegeben. „Lerne deine Arbeit schnell und mache sie gut“ oder „Schreibe regelmäßig Briefe nach Hause“.
Nach vier Jahren wechselte Lütfi Cinar zu WOLFF & MÜLLER. Die Bezahlung war besser, einige seiner Landsleute arbeiteten schon dort. Das Unternehmen stellte den Mitarbeitern Wohnungen zur Verfügung und war für seine guten Arbeitsbedingungen bekannt. „Mein Vater erzählte, dass es kistenweise Äpfel und Birnen gab“, erinnert sich Zekiye Bilge. Ihr Vater war Schreiner und Zimmerer und arbeitete in den Holzbauwerken Denkendorf. „Wenn er um 16 Uhr Feierabend hatte, saßen wir Kinder auf der Fensterbank und warteten: Papa kommt gleich“, sagt die Tochter.
Zunächst hatte er die Familie in der Türkei gelassen. Geld verdienen, zurückkehren – das war der Plan. Sechs Wochen Urlaub am Stück, jedes Jahr. Aber irgendwann ging das nicht mehr. WOLFF & MÜLLER baute Häuser, in die die Gastarbeiterfamilien einziehen konnten. Die Kinder wurden mit einem Bus, den das Unternehmen organisierte, zu Kita und Schule nach Denkendorf gefahren. Im Körschtal fuhr damals kein öffentlicher Bus in die Ortsmitte. Cinar arbeitete, bis die Holzbauwerke Ende der 90er Jahre schließen mussten, über 20 Jahre bei WOLFF & MÜLLER. Später war er dann im Bauunternehmen eines Freundes aktiv. Als seine Tochter Zekiye – die in Deutschland geboren wurde – 2019 einen neuen Job suchte, riet er ihr, sich bei WOLFF & MÜLLER zu bewerben. Sie tat es und ist nun schon seit sieben Jahren bei WOLFF & MÜLLER, aktuell als Assistentin der Einkaufsleitung. Ihr Vater ist inzwischen in seiner neuen Heimat verstorben, aber seine Geschichte lebt weiter.
49 Nationen, ein Team
„Ob Wohnhäuser, Bürogebäude, Schulen, Brücken oder Straßen: Die meisten Bauwerke, die seit der Nachkriegszeit in Deutschland entstanden sind, wären ohne Migranten und ausländische Bauarbeiter kaum zustande gekommen. Viele Menschen waren und sind bereit, ihre Heimat für längere Zeit zu verlassen und nicht bei ihren Familien zu sein. Dafür verdienen sie Respekt, Dankbarkeit und nicht zuletzt auch anständige Arbeitsbedingungen – einer der Gründe, warum wir uns gegen Schwarzarbeit und illegale Beschäftigung in der Baubranche einsetzen“, sagt Dr. Albert Dürr, der Geschäftsführende Gesellschafter von WOLFF & MÜLLER.
Heute beschäftigt das Unternehmen Menschen aus 49 Nationen. Auf den Baustellen arbeiten die Teams eng mit Baupartnern aus vielen Ländern zusammen. Die Bewehrungskolonne aus Portugal, die Trockenbauer aus Ex-Jugoslawienstaaten – sie alle sind Teil der Bauwirtschaft geworden. Verschiedene Gewerke und verschiedene Kulturen arbeiten Hand in Hand und müssen dabei manche Sprachbarrieren und andere Herausforderungen überwinden.

Mehr als Herkunft
Was damals mit Menschen wie Lütfi Cinar begann, prägt WOLFF & MÜLLER bis heute. Diversity ist ein großes Thema im Familienunternehmen, in all ihren Dimensionen. In den Teams treffen unterschiedliche Generationen, Geschlechter, Lebensentwürfe, und Identitäten aufeinander. Gerade diese Mischung macht WOLFF & MÜLLER stark. Viele Mitarbeitende sind in Deutschland geboren und haben dennoch eine Familiengeschichte über Grenzen hinweg – wie jede vierte Person in diesem Land. Um diese Unterschiede sichtbar zu machen und zu nutzen, setzt WOLFF & MÜLLER auf konkrete Formate: Diversity-Wochen, Diskussionsforen speziell für Frauen, Aktionen im Zuffenhausener Betriebsrestaurant HammerLecker und künftig das „Forum der Vielfalt“ für alle Mitarbeitenden und externe Gäste. Vielfalt heißt auch: unterschiedliche Arten, zu denken und zu arbeiten. Seminare und Teamentwicklungen unterstützen Mitarbeitende dabei, diese Unterschiede zu verstehen und als Stärke zu nutzen.
Zeugnisse der Vergangenheit
Nach dem Tod ihres Vaters fand Zekiye Bilge in seinem Aktenköfferchen die Anweisungen von damals für das Leben in Deutschland wieder – Zeugnis einer Zeit, als Integration noch Pionierarbeit war. Die Geschichte ihres Vaters zeigt, wie hart Vielfalt erarbeitet wurde, und dass sie bis heute nicht selbstverständlich ist. Aus ehemals Fremden wurden Kollegen, Nachbarn und Freunde.
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