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Von Denkendorf nach Riad, Bagdad und Al Ain: Die Auslandsabenteuer von WOLFF & MÜLLER

„Wir haben damals in Denkendorf Fertighäuser vormontiert und auf die Reise nach Saudi-Arabien geschickt“: So heißt es in einem Zeitzeugenbericht von Bernhard Schillo, der in den 1970er- und 1980er-Jahren die W & M-Projekte auf der Arabischen Halbinsel koordinierte. Die Gründe, wieso man weit entfernt vom heimischen Markt Bauprojekte akquirierte, lagen auf der Hand: Die deutsche Baukonjunktur lahmte seit längerem. Nach dem ersten Ölpreisschock 1973/1974 stiegen die Energie- und Produktionskosten für die Wirtschaft stark an, auch die nachlassende Kaufkraft traf die Baubranche hart. Das ist in den WOLFF & MÜLLER Informationen, der 1973 erstmals herausgegebenen Betriebszeitschrift des Unternehmens, für dieses Jahrzehnt fast durchgängig nachzulesen.

Auslandsabteilung gegründet

Neben Maßnahmen, den Betrieb zu rationalisieren, entwickelte WOLFF & MÜLLER Strategien, um neue Geschäftsfelder zu erschließen. Man forcierte mit der WOLFF & MÜLLER Hausbau GmbH das Geschäft mit Fertighäusern für bezahlbares Wohneigentum und trotzte in diesem Segment dem Abwärtstrend im Bausektor. Als weitere Initiative nahm man das Auslandsgeschäft ins Visier. Dazu wurde 1976 die Auslandsabteilung gegründet, die Wolfgang Dürr mit großem Elan leitete und die 1990 zur Geschäftseinheit Projektbau weiterentwickelt wurde. Wolfgang Dürr war zugleich Leiter von W & M Hausbau. In der Kombination dieser beiden Aufgaben und mithilfe eines Vermittlers kam der erste Auftrag im Nahen Osten zustande. Auch in Nigeria, Westafrika, wurden Projekte realisiert.

WOLFF & MÜLLER erhielt 1976 den Zuschlag, in Saudi-Arabien nahe der Hauptstadt Riad etwa 50 Fertighäuser zu errichten, die bei der Hausbau GmbH speziell für diesen Zweck entwickelt wurden. Die Arabische Halbinsel verzeichnete in dieser Dekade einen Bauboom, nicht zuletzt angefacht durch die Einnahmen aus der Erdölförderung. Das Auftragsvolumen umfasste etwa 15.000 Quadratmeter überbaute Fläche, darüber hinaus wurden zwei palastähnliche Gebäude errichtet. „Das war eine logistische Meisterleistung“, urteilte Bernhard Schillo rückblickend. „Vor Ort gab es gute Arbeitskräfte, doch sämtliches Material mussten wir aus Deutschland heranschaffen.“

Häuser auf Reisen

Die Häuser wurden vormontiert und zusammen mit Maschinen und Baumaterial auf die etwa 4.000 Kilometer weite Reise nach Saudi-Arabien geschickt. Der Antransport auf Sattelzugaufliegern per Lkw oder in Containern per Schiff klappte nicht immer reibungslos. Wegen knapper Transportkapazitäten und der vielen Zollabfertigungen auf der Route war manche Fracht monatelang unterwegs, bis sie endlich, dringend erwartet, auf der Baustelle ankam. Zur Organisation des Bauvorhabens wurden einige Bauleiter und Vorarbeiter von WOLFF & MÜLLER nach Riad entsandt, die übrigen Arbeitskräfte rekrutierte man vor Ort, es war in der Regel Personal aus Ostasien.

Weil das Projekt zur großen Zufriedenheit der Auftraggeber abgeschlossen wurde, folgte der erste Großauftrag in Nahost, ebenfalls in Saudi-Arabien: 1978 erhielt WOLFF & MÜLLER in Kooperation mit einem saudischen Ingenieurbüro den Regierungsauftrag zum Neubau des zentralen Postgebäudes in Riad. Das Bauwerk hatte eine Nutzfläche von etwa 100.000 Quadratmetern und wurde als Stahlbeton-Skelettbau erstellt. Das Auftragsvolumen belief sich auf etwa 450 Millionen D-Mark – das bis dahin größte Einzelprojekt von WOLFF & MÜLLER. Die WOLFF & MÜLLER Informationen vom Dezember 1979 schrieben dazu: „Erstklassiger Sichtbeton, Marmor und filigrane Fassadenelemente vermitteln uns westlich nüchtern denkenden Europäern nahezu einen Hauch von Tausendundeiner Nacht.“

Örtliche Arbeitskräfte geschult

Auch hier musste zuerst die Baustelle eingerichtet und ein Wohncamp sowie Werkstätten für den laufenden Betrieb aufgebaut werden. Zimmerleute, Einschaler und Betonierer von WOLFF & MÜLLER lernten die örtlichen Arbeitskräfte in der deutschen Schalungsbauweise an. Unerwartet stieß man beim Aushub der Untergeschosse in knapp zehn Metern Tiefe auf Grundwasser. In kürzester Zeit plante man die Gebäudebasis um und führte sie als wasserdichte Beton-Bodenwanne aus. Die WOLFF & MÜLLER Informationen vermeldeten Ende 1981, dass das achtgeschossige Zentralpostamt mit dreigeschossiger Tiefgarage nach drei Jahren Bauzeit planmäßig kurz vor der schlüsselfertigen Übergabe stehe.

Expansion in den Irak und in die Emirate

Währenddessen war bereits ein Anschlussauftrag unter Dach und Fach: zwei kunstvoll gestaltete Verwaltungsgebäude für Regierungsbehörden in der irakischen Hauptstadt Bagdad. Sämtliches Material wie Werkzeuge, Maschinen und Geräte, die Baustellen- und Campeinrichtung sowie eine Feldfabrik zur Herstellung von Fassaden- und Fußbodenplatten wurden abermals aus Deutschland nach Bagdad verfrachtet. Das Auftragsvolumen wurde mit 200 Millionen D-Mark angegeben, die geplante Bauzeit mit zwei Jahren. Nahtlos schloss sich ein weiterer Großauftrag für WOLFF & MÜLLER an: Die Vereinigten Arabischen Emirate vergaben im Sommer 1983 den Bau eines Großschlachthofs in Al Ain, etwa 150 Kilometer südwestlich von Stadt Abu Dabi. Das schlüsselfertige Projekt sollte in 14 Monaten abgewickelt werden und umfasste unter anderem 2.000 Kubikmeter Stahlbeton, 200 Tonnen Stahlkonstruktionen, 7.500 Quadratmeter Mauer-, Wand- und Dachflächen sowie alle technischen Einrichtungen des Schlachthofs.

Mit dem Abschluss beider Großprojekte im Jahr 1985 endeten die Aktivitäten von WOLFF & MÜLLER im Nahen Osten, auch wenn die dortigen Auslandsbüros vorerst erhalten blieben. Der 1980 ausgebrochene Krieg zwischen Iran und Irak hatte die Sicherheitslage in der Region dramatisch verändert, der irakische Staat war zwischenzeitlich in Zahlungsschwierigkeiten geraten. Länder wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate hatten die gemeinsamen Projekte mit europäischen Baupartnern wie WOLFF & MÜLLER als Blaupause genutzt, um künftige Bauvorhaben in eigener Regie und mit ostasiatischen Partnern zu realisieren. Mit günstigen Arbeitskräften von den Philippinen, aus Taiwan und aus Südkorea unterboten diese Firmen die Preise westlicher Baukonzerne deutlich.

Heute konzentriert sich WOLFF & MÜLLER auf das Bauen in Deutschland und verzichtet bewusst auf die Komplexität, die Auslandsprojekte mit sich bringen. Die Möglichkeiten im Heimatmarkt sind groß genug, und die Nähe zu Auftraggebern und Baupartnern erleichtert es dem Unternehmen, seine Qualitätsansprüche umzusetzen.

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