Taktgeber auf der Baustelle
Eine Baustelle ohne Baulogistik? Undenkbar. Auf jeder Baustelle bewegen sich Menschen, Materialien und Maschinen – oft gleichzeitig und auf engem Raum. Sie alle brauchen Koordination: Wer kommt wann? Was wird wo gelagert? Welche Geräte stehen bereit? Mit Baulogistik steuern wir diese Abläufe: Wir planen Anlieferung und Lagerung, koordinieren Hebe- und Fördertechnik, organisieren die Entsorgung. Ich bin überzeugt: Je besser wir diese Ströme steuern, desto effizienter, kostengünstiger und nachhaltiger wird das Bauvorhaben.
Wie anspruchsvoll die Baulogistik sein kann, zeigen aktuelle Projektbeispiele von WOLFF & MÜLLER: Beim Bau von Mitarbeiterwohnungen für das Robert Bosch Krankenhaus in Stuttgart muss der Klinikbetrieb ungestört weiterlaufen. Wir haben die Baukräne so positioniert, dass der Korridor des Hubschrauberlandeplatzes frei bleibt – und die Flugschneise in das digitale Bauwerksmodell integriert. Die Baustelle für das Projekt „Patio“ liegt im Herzen der Stuttgarter Fußgängerzone – mit wenig Platz und schwierigen Anlieferbedingungen. Unser Team hat zwei separate Anlieferzonen eingerichtet, von denen eine ganztägig nutzbar ist. So sichern wir reibungslose Materialflüsse und minimieren zugleich Störungen im Umfeld.
Eine Disziplin mit Potenzial
Obwohl die Baulogistik so erfolgsentscheidend ist, bekommt sie oft zu wenig Aufmerksamkeit. Und wenn doch, liegt der Fokus häufig auf einzelnen Gewerken – nicht auf dem Prozess, der sie miteinander verbindet und der auch innerhalb jedes Gewerks wirkt. Hinzu kommen unklare Zuständigkeiten: Liegt die Verantwortung beim Bauherrn, beim Bauunternehmen oder seinen Baupartnern? Oft wird diese Frage erst beantwortet, wenn zentrale Weichen bereits gestellt sind. Flächen sind vergeben, Abläufe festgelegt, Verträge geschlossen. Für eine systematische Steuerung bleibt dann kaum Spielraum. Wer die Baulogistik von Anfang an mitdenkt, reduziert Reibungsverluste und legt die Grundlage für einen störungsarmen Bauablauf.
Wissen aufbauen, Praxis stärken
Was also sollten wir tun? Klar ist für mich: Die Baulogistik braucht mehr Gewicht in Lehre und Forschung. In vielen baubezogenen Studiengängen spielt sie bislang eine untergeordnete Rolle – obwohl Bauvorhaben immer komplexer werden: mehr Beteiligte, engere Termine, weniger Flächen, höhere Anforderungen an Nachhaltigkeit und Sicherheit. Das ist eine verpasste Chance: Denn wer heute Bauprojekte verantwortet, braucht logistisches Denken und klare Prozesse als Grundkompetenzen.
Bei WOLFF & MÜLLER engagieren wir uns seit Jahren dafür. Zum Wintersemester 2020/2021 haben wir eine Professur für Baulogistik an der Hochschule Biberach gestiftet, die inzwischen in eine Regelprofessur überführt wurde. Und wir kooperieren weiterhin eng mit dem Lehrstuhl. Außerdem ist es mir wichtig, dem Thema eine Bühne zu geben: Ende Februar fand zum dritten Mal das Baulogistik-Forum „Schlau am Bau" statt – dieses Mal bei uns in Stuttgart. Zwei Tage lang diskutierten Bauherren, Unternehmen, Forschende und Studierende während der ausgebuchten Veranstaltung über konkrete Lösungen. Fortschritt entsteht eben dort, wo Wissen geteilt wird.

Wir brauchen klare Leitplanken
Baulogistik ist keine Insellösung und kein Beiwerk – sie ist eine Weiterentwicklung der Kernprozesse im Bauablauf. Deshalb braucht sie das, was alle wesentlichen Bauprozesse brauchen: klare Rollen, definierte Abläufe und eine gemeinsame Sprache. Ohne sie reden Projektbeteiligte aneinander vorbei und verbinden unterschiedliche Vorstellungen mit denselben Begriffen. Das erzeugt Missverständnisse und unnötige Komplexität – im Sinne der Lean-Philosophie ist das Verschwendung.
Mit der DIN SPEC 91500 haben wir eine Handlungsempfehlung für die Aufbau- und Ablauforganisation von Bauprojekten vorliegen. Genau diese Logik sollten wir auf die Baulogistik übertragen. Dafür braucht es allerdings nicht noch mehr eigene Regelwerke, die als Inselstandards neben der etablierten Normungslandschaft stehen. In unserer Branche entwickeln bereits etliche Initiativen eigene Kriterien, Schulungsformate und Zertifizierungen. Ihre Beiträge sind wertvoll. Doch wenn jede Organisation eigene Begriffswelten aufbaut, entsteht Wirrwarr. Ich wünsche mir für die Baulogistik einen anderen Weg: Standards und Qualifizierungen sollten konsequent von den etablierten Normungsorganisationen kommen – im Bauwesen zunächst vom Deutschen Institut für Normung (DIN) und ergänzend vom VDI. Nicht von einzelnen Unternehmen mit eigenen Vertriebsinteressen. So schaffen wir eine Basis, auf die sich die gesamte Branche verlassen kann.
Bildunterschrift Titelbild: Anspruchsvolle Logistik beim Projekt „Wohnen, Leben und Parken“ für das Robert Bosch Krankenhaus Stuttgart: Die Baukräne dürfen der Einflugschneise des Hubschraubers nicht im Weg stehen.
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