Gleitschalverfahren für die Gas- und Dampfturbinenanlage Dradenau
Wenn Industriebetriebe oder Energieunternehmen neue Anlagen errichten oder bestehende Standorte modernisieren, entstehen oft hohe Betonbauwerke wie Türme, Schächte oder Silos. Für Bauherren stellt sich dann die Frage, wie sich solche Bauwerke schnell, wirtschaftlich und in hoher Qualität realisieren lassen. Das Gleitschalverfahren hat sich als besonders leistungsfähige Methode etabliert. Wie dieses Verfahren funktioniert und welche Vorteile es bietet, zeigt ein aktuelles Beispiel aus Hamburg: der Bau von zwei rund 40 Meter hohen Treppentürmen für die Gas- und Dampfturbinenanlage (GuD) Dradenau.
Ein Schlüsselprojekt für Hamburgs Energiezukunft
Im Hamburger Hafen entsteht der Energiepark Hafen. Der modulare Erzeugerpark bindet verschiedene klimaneutrale Wärmequellen wie beispielsweise Wärme aus Abwasser sowie Abwärme aus thermischer Abfallverwertung und energieintensiven Industrien ein. Der Energiepark Hafen löst das Kohlekraftwerk Wedel ab und ist ein Meilenstein auf dem Weg zu Hamburgs Kohleausstieg. Herzstück des Energieparks ist die Gas- und Dampfturbinenanlage Dradenau. Die Anlage wird hocheffizient im Kraft-Wärme-Kopplungs-Prozess betrieben und dient dazu die klimaneutrale Wärme zu ergänzen, aufzuheizen, zu speichern und abzusichern. Für die sichere und effiziente Erschließung der Kraftwerksgebäude UMA (Dampfturbinenhalle) und UHA (Gas- und Kesselhaus) hat WOLFF & MÜLLER zwei Treppentürme gebaut, die Zugang, Fluchtweg sowie Wartungs- und Serviceachsen sind. Beide Türme wurden im Gleitschalverfahren errichtet.
Gleitschalung: Das Verfahren im Überblick
Im Gegensatz zur klassischen Kletterschalung, bei der abschnittsweise gearbeitet wird, läuft die Gleitschalung kontinuierlich im 24-Stunden-Betrieb: Die Schalung wird an Hubstangen nach oben gedrückt, während Beton und Bewehrung laufend eingebracht werden. Arbeitsplattformen für Personal und Material steigen mit, der Beton härtet so weit aus, dass er die Form hält, bevor die Schalung weiterbewegt wird. Das ermöglicht einen schnellen, gleichmäßigen Baufortschritt – ideal für hohe, querschnittsgleiche Bauwerke wie Türme, Silos, Schornsteine oder Aussteifungskerne.
Projekt Dradenau: Zwei Türme in jeweils acht Tagen
WOLFF & MÜLLER wurde von der ARGE Uniper-ENKA Dradenau, dem EPC-Auftragnehmer (Engineering, Procurement and Construction), mit dem Bau der beiden Treppentürme beauftragt. Bauherr sind die Hamburger Energiewerke. Die Bauarbeiten fanden im März und Juni 2024 statt. Jeder Turm ist 40 Meter hoch und wurde in nur acht Tagen errichtet – ein Baufortschritt von rund fünf Metern pro Tag, ermöglicht durch den konsequenten 24/7-Einsatz der Gleitschalung. Der größte Vorteil der Gleitschalung liegt in der Geschwindigkeit: Während bei herkömmlicher Kletterschalung für einen 40 Meter hohen Turm mehrere Wochen bis Monate eingeplant werden müssen, standen die Türme auf der Dradenau nach jeweils nur acht Tagen. Die hohe Geschwindigkeit und die Reduzierung von Nacharbeiten machen das Verfahren besonders wirtschaftlich, vor allem bei hohen, querschnittsgleichen Bauwerken.

Herausforderungen und Lösungen im Projektverlauf
Die Umsetzung der Gleitschalung bei der GuD Dradenau stellte das Bauteam vor fachliche und organisatorische Herausforderungen. Die Arbeiten liefen rund um die Uhr, auch nachts und an Wochenenden. Das verlangte einen stetigen Zugang zu den Betonierstellen, eine lückenlose Logistik, präzise Personalplanung und die perfekte Abstimmung von Bewehrung, Schalung, Blitzschutz und anderen Bauelementen. Engpässe oder Verzögerungen hätten den kontinuierlichen Baufortschritt gefährdet. Um eine konstant hohe Betonqualität zu gewährleisten, musste die Betonrezeptur laufend an die jeweiligen Wetterbedingungen angepasst werden, da Temperaturschwankungen, Luftfeuchtigkeit und Wind das Abbinden beeinflussen.
Fazit: Maßarbeit für die Energiewende
Der Erfolg des Projekts beruhte auf mehreren Faktoren: der Erfahrung des Bauunternehmens im Umgang mit Gleitschalung, der engen Abstimmung mit dem Generalunternehmer und den Fachplanern sowie der konsequenten Einhaltung aller Sicherheits- und Qualitätsstandards. Die Planung musste bereits im Vorfeld auf den 24/7-Betrieb und die speziellen Anforderungen der Gleitschalung ausgerichtet werden. Während der Ausführung waren Flexibilität, schnelle Entscheidungswege und ein eingespieltes Team entscheidend. Das Projekt Dradenau steht exemplarisch für die Leistungsfähigkeit moderner Bauverfahren und die Bedeutung von Erfahrung und Teamarbeit im Ingenieurbau. Der Einsatz der Gleitschalung zeigt, wie sich anspruchsvolle Infrastrukturprojekte schnell, präzise und wirtschaftlich realisieren lassen – vorausgesetzt, Planung, Material, Ausführung und Timing sind perfekt aufeinander abgestimmt.
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